Klöster

Einsiedler und Klöster gab es schon seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. im Nahen Osten, in Westeuropa dagegen vorerst nur vereinzelt. In Westeuropa wurden sie für die Kirche und die ganze Gesellschaft zu Zellen, die das antike Erbe in einer Zeit bewahrten, wo die Germanen sich dafür kaum interessierten. Allerdings waren die westeuropäischen Klöster in den entscheidenden Jahrhunderten arm und konnten auf keine lange Tradition zurückblicken. Deshalb besassen sie auch nicht annähernd vollständige antike Bibliotheken. Fast alles, was wir heute über die nicht christliche Antike wissen, wurde im oströmischen Reich aufbewahrt und erreichte Westeuropa erst später wieder, vieles davon auf dem Umweg über arabische Gelehrte. Immerhin pflegten die wenigen Klöster die Kenntnis der lateinischen Schriftsprache und die Kunst des Lesens und Schreibens. 

In der Schweiz gründeten die Brüder Romanus und Lupizinus bereits 450 das Kloster Romainmoîtier in einem einsamen Juratal. Die systematische Christianisierung der germanischen und keltischen Bevölkerung in der Schweiz begann allerdings erst im 6. Jahrhundert, Wandermönche aus Irland (Kolumban, Gallus und weitere Begleiter) kamen um 610 an den Bodensee. Während Kolumban rastlos weiterzog, blieb Gallus als Einsiedler am Bodensee. Die  Einsiedlerklause wurde zum Kern des Klosters St. Gallen.

Die benediktinische Klosterregel

Benedikt v. Nursia gründete 529 auf dem Monte Cassino bei Rom ein Kloster und gab ihm eine schriftliche Regel. Bekannt daraus sind: "Ora et labora" = Bete und arbeite und "Müssiggang ist aller Laster Anfang". Die Mönche im Kloster verpflichteten sich zu absolutem Gehorsam dem Abt gegenüber, zu freiwilliger Armut, zum Verzicht auf die Ehe und zum lebenslänglichen Verbleiben im gleichen Kloster (stabilitas loci). Die benediktinische Regel wurde von vielen bestehenden Klöstern freiwillig oder unter dem Druck der fränkischen Könige übernommen und löste auch eine Welle von Neugründungen aus: Klöster lagen damals im Trend.

Schwerpunkte der Tätigkeit in den Klöstern

•   Krankenpflege und Herberge für die Armen (Armenhäuser):  Solche Einrichtungen hiessen in Frankreich Hôtel de Dieu.
•    Schulbildung: Internat = Schule für Kinder, die im Kloster selbst wohnten und zur Lebensweise der Mönche bzw.  Nonnen erzogen wurden sowie Externat für Kinder von Adligen, die wenigstens Lesen, Schreiben und Rechnen lernen sollten.
•    Studium alter Handschriften und Herstellung von handschriftlichen  Kopien (der Buchdruck wurde erst um 1450 erfunden!). Die Buchmalerei  d.h. die Herstellung von Büchern mit aufwändig verzierten  Initialen (Anfangsbuchstaben) erlebte im 9. Jahrhundert einen  ersten Höhepunkt. Sie verbreiteten die neu eingeführten  Kleinbuchstaben (karolingische Minuskeln).
•    Die Klöster waren Träger der  karolingischen Renaissance, der von Karl dem Grossen eingeleiteten  Förderung von Kultur und Bildung, die an spätantiken Vorbildern orientiert war.
•    Landwirtschaft: Die Klöster waren in der Züchtung von Obst und  Gemüse wegweisend.
•    Indirekt machten sich die Klöster auch um Handel und Wirtschaft  verdient: So schuf man z.B. 888 in St. Gallen Mustervorlagen für verschiedene Verträge und mancher Vertrag dürfte nur  dank der Mithilfe eines schreibkundigen Mönches zustande  gekommen sein.

Der Staat war im Mittelalter weder willens noch in der Lage, diese Aufgaben zu erfüllen.

Schenkungen an Klöster

Grosszügige Schenkungen von Fürsten und Königen an Klöster dienten mindestens fünf (idealerweise kombinierten) Zielen:

•    Machtpolitische Einflussnahme über die weltlichen  Eigentums- und Gerichtsrechte der Klöster (wobei  die Möglichkeit, dadurch einem einflussreichen Adligen  die Machtausübung über ein wichtiges  Gebiet zu verwehren, wohl fast wichtiger war als die  konkrete Verwaltungstätigkeit des Klosters selbst).
•    Beruhigung des eigenen, zu Recht schlechten Gewissens  im Hinblick auf das eigene "Seelenheil" bzw.  die gemäss kirchlicher Lehre zu erwartenden Höllenstrafen.
•    Kampf gegen übernatürliche Mächte, die  für uns Menschen der Neuzeit ins Reich des Aberglaubens gehören, für die Menschen des  Mittelalters aber ebenso "real" waren wie  die Armeen der Könige und Fürsten. Die  "Waffen" der Mönche waren Gebet  und Askese (zeitweiser oder dauernder Verzicht auf Essen, Sexualität, Unterhaltung usw.).
•    Imagepflege: in einer Gesellschaft, die vom Glauben  und Aberglauben tief durchdrungen, aber wenig gebildet war, wurden die Fähigkeiten der Mönche hoch geachtet  (Pfarrer, Lehrer und Arzt waren noch vor fünfzig Jahren unbestrittene Respektspersonen -  die Mönche im Mittelalter vereinten all diese Funktionen!) - und etwas vom Glanz fiel auch auf den  Stifter eines Klosters ab (heute sagt man dem Sponsoring).
•    Versorgung eigener Nachkommen: Die Gesellschaft brauchte  nicht soviele Adlige, dass jedes adlige Kind eine  standesgemässe Stellung erwarten durfte. Eine Teilung  des Besitzes unter alle Nachkommen hätte die Macht  gefährdet. Deshalb waren die Klöster geeignet  als Versorgungsanstalten für die überzähligen  Kinder: Sie boten hohes Ansehen, materielle Sicherheit (ohne  teuren Luxus) und dazu gab es keine weiteren Nachkommen!

Gründung der wichtigsten Klöster der Schweiz

Um etwa 700 gründeten der fränkische Wandermönch Sigisbert und der einheimische Placidus in Disentis GR die älteste, ohne Unterbruch bestehende Benediktinerabtei nördlich der Alpen. Die heutige Barockkirche wurde allerdings erst nach der Plünderung und Brandschatzung durch die Franzosen 1799 errichtet.

Das Kloster Reichenau (D) auf der Insel im Bodensee wurde 724 durch einen fränkischen Bischof gegründet und mit umfangreichem Landbesitz in der Ostschweiz ausgestattet. 820 entstand hier der Bauplan für einen Neubau des Klosters St. Gallen, ein bedeutendes Beispiel für den Idealgrundriss karolingischer Klosterbauten.

Ein fränkischer Gaugraf berief 720 Otmar als Abt und beauftragte ihn, an der Stelle der Einsiedlerklause des Gallus ein richtiges Kloster zu bauen. An Othmar, den Gründer des Klosters St. Gallen erinnert der Handballklub St. Otmar St. Gallen. Das Kloster St. Gallen übernahm 747 auf Anweisung des fränkischen Hausmeiers und späteren Königs Pippin die benediktinische Regel (Bete und arbeite, Standorttreue) anstelle der columbanischen (Einsiedlertum, irdische Heimatlosigkeit). Die beiden Klöster wurden zu fränkischen Stützpunkten im Alamannengebiet. Kurz vor 800 entstanden hier die ersten beiden deutschsprachigen Bücher: ein lateinisch - althochdeutsches Wörterbuch (St. Gallen) und eine althochdeutsche Übersetzung der benediktinischen Klosterregel. Um 860 komponierte der Mönch Notker Balbulus [Notker der Stammler] kirchliche Gesänge (Hymnen), 884 verfasste er eine Biografie Karls des Grossen.

828 errichtete der Einsiedler Meinrad auf dem Etzelpass eine Klause, 835 zog er weiter in den "Finsteren Wald", wo er 861 von Räubern erschlagen wurde. 934 wurde an dieser Stelle das Kloster Einsiedeln (SZ) errichtet. Schon 947 erhob Kaiser Otto I. den Abt von Einsiedeln zum Reichsfürsten.

Seit dem Reichstag von 816 in Aachen gab es die Einrichtung der Chorherrenstifte und Damenstifte: Es handelte sich gewissermassen um Luxusklöster für Adelige, denn hier galt zwar die Pflicht, gemeinsam zu essen, in Schlafsälen zu nächtigen und auf die Ehe zu verzichten, tagsüber war jedoch das Verlassen des Stifts erlaubt und auf Privateigentum musste auch nicht verzichtet werden. In der Schweiz gab es viele solcher Stifte, unter anderem das 874 errichtete Fraumünsterstift in Zürich, dessen Äbtissin im Range einer Reichsfürstin nur dem König unterstellt war und die Gerichtsbarkeit über Zürich ausübte.